Passenger diaries

Auch wegen der Corona-Krise, vor allem aber wegen des sehr dichten Arbeitslebens einiger Mitarbeitenden zog sich dieses Projekt über den geplanten Zeitraum hinaus.

Jedoch wurde das vom Kernteam Zakravsky/Greil/Fucek nicht als Belastung, sondern als Chance wahrgenommen. Vor allem die Dynamik zwischen performativen, physischen, multi-sensorischen „MikroTrips“ zu verschiedenen (sub-urbanen) Orten und Zonen von Wien (und Bratislava) und dem Umgang mit den Dokumenten (vorrangig Fotos), die dann durch Zakravsky (Text/Fotos) und Fucek (Fotos/Videos), sowie einigen Beiträgen von Greil u.a. in die als „Tagebuch“ verstandene Website (einen adaptierten WordPress-Blog) eingebaut wurden, wird definitiv durch lange Laufzeiten und Pausen besser.

Auch 2 Jahre nach Projekt-Start herrscht ein positiver Geist, das Projekt in modifizierter Form fortzusetzen, wobei längere Bedenk- und Verarbeitungspausen der Qualität des Outputs keinen Abbruch tun.

Die ursprünglich geplante Dreiteiligkeit aus Mikrotrips, Blog/Website und Salons wurde und wird dabei eingehalten und erwies sich als fruchtbar. Jedoch kann auch gesagt werden, dass die Planung von Salons viele Ressourcen bindet und möglicherweise bei Nachfolgeprojekten durch mehr Aktivität im Bereich urbane Recherche und Performativität umgewichtet werden könnte, da Dokumentation und Fiktionalisierung im Web ohnedies einen nachhaltigen Außenauftritt darstellen.

Das Herz des Projekts war und blieb das gemeinsame performative Erkunden von bestimmten urbanen, sub-urbanen und „ruralen“ Zonen der Stadt Wien, wobei die Erfahrung von der Proposition geprägt war, dass alle Beteiligten sozusagen „Wirte“ für eine multiple, post-humane Entität wären, die „The Passenger“ heißt.

The Passenger, von sich stets per „wir“ sprechend, hat sich vor allem im Zuge der mythomanischen Blog-Autorschaft weiter konkretisiert. Es handelt sich dabei um eine Art heterogene „Wolke“ aus menschlichen und anderen Elementen, die gemeinsam als eine Art intelligenter „Schwarm“ eine weitere Evolution durchlaufen haben. The Passenger durchquert Räume und Zeiten, oft auch sprunghaft, und ernährt sich von Information bzw. „Mustern“.

Den Menschen, die „The Passenger“ „befällt“ und für sich agieren lässt, schenken sie eine erweiterte, erhöhte Sensibilität für die seltsamen, vertieften, verfeinerten und verfremdeten Aspekte von Stadt, Vor-Stadt und Zwischen-Stadt.

Diese Erfahrung wurde auch durch den Stil der Dokumentation zum Ausdruck gebracht, der nicht die Gesichter der Individuen, sondern durch Konstellationen bzw. Verdichtungen gebildete Körper bzw. „Feld-Körper“ abbildet.

Jedoch genügte dies letztlich nicht, die durch eine Kamera distanzierte Wahrnehmung zum adäquaten Ausdruck des vom Passenger „besessenen“ Trips zu machen.

Dazu brauchte es eine poetischere visuelle Ästhetik.

Hier kam es zu einer faszinierenden Synergie mit der performativen Foto-Kunst des früher als Tänzer und Choreograph in Wien tätigen, österreichisch-polnischen Künstlers Radek Hewelt.

Hewelt arbeitet schon länger mit sehr langen Belichtungszeiten und dramatischen Lichtsetzungen, um mit rein analogen Mitteln poetisch-verfremdete Foto-Welten zu entwerfen, die teils an alte Filme, teils an den Surrealismus erinnern.

Vor allem in der ersten Foto-Session, in einer Vollmondnacht im Mai 2021, gelang es uns (Hewelt/Zakravsky/Greil) mittels weniger „Props“ — wie weißen Masken, schwarzer und weißer Kleidung — Körper in die Landschaft zu setzen, die auch dem Außenbeobachter als trans/post-humane Verkörperungen einer anderen „Agency“ erschienen können.

Vor allem ein kopfloser weißer Riese, ein Doppelkörper, der im Mondlicht vorbeigeht, und eine Gestalt mit zwei weißen Gesichtern, die aus einem dunklen Gebüsch hervorblitzen, bleiben in Erinnerung.

Es gab insgesamt drei Foto-Sessions mit Hewelt, zuletzt eine in der an diesem Tag (Anfang Mai 2022) zum letzten Mal noch leeren PSK-Kassenhalle mit den drei ursprünglichen Antragstellerinnen Zakravsky, Greil und Strecker.

Seit dem 2. Salon (Oktober 2021, gehostet von Mariella Greil) gibt es zudem eine Live-Version der Fotos von Hewelt in Form einer durch sehr langsame Übergänge monumentalisierten Diashow, die die Live-Musik von Werner Moebius in einee kosmische Oper verwandelt.

Sowohl die Fotos in ihrer besonderen Ästhetik wie diese Live-Shows sind mit der Zeit noch besser geworden. Sie könnten in verschiedenen digitalen und analogen Kontexten noch Zukunft haben.

Die „Trips“ wurden aber auch von dem Konzept der „Mikroperformativität“ geprägt, dem Lucie Strecker als Mit-Herausgeberin ein eigenes Heft des Magazins „Performance Research“ gewidmet hatte.

http://www.performance-research.org/past-issue-detail.php?issue_id=114

In diesem Kontext ging es vor allem um sehr kleinteilige, doch hartnäckige, Interaktionen mit bestimmten urbanen Gegebenheiten. Wie schon bei den Foto-Sessions mit Hewelt, der sich ganz unabhängig von diesem Projekt schon zuvor in die Landschaft rund um Lainzer Tiergarten, Auhof Center und Hadersdorf Weidlingau verliebt hatte, konzentrierten sich diese Aktionen auf den Wienfluss und die ebenso urbane wie suburban-freizeitsportbezogene Möblierung seines Ufer durch ein grünes Geländer, das mehr oder minder originalgetreu die Farb- und Formensprache von Otto Wagner zitiert.

Die mikro-performativen Versuche, sich mit diesem Geländer zu verbinden und es in seinen Korrosionen und Regelmäßigkeiten, vor allem aber in seinem ebenso der Landschaft angepassten wie künstlichen Grün zu würdigen, prägten mehrere „Trips“ in verschiedenen Jahreszeiten, über ca. 2 Jahre hinweg.

Nicht nur deshalb wurde Otto Wagner zum Leitmotiv des Projekts. Seine durch imperiale Sonnenräder und Kränze geschmückten Designs für die damalige Stadtbahn stellen immer noch einen der genialsten (und frühesten) Versuche dar, für eine moderne Großstadt ein „Corporate Design“ zu schaffen, dass Reich und Arm, Innenstadt und Vorstadt verbindet.

Insbesondere die westlichen Vororte von Penzing (wo Zakravsky wohnt) lagen Wagner am Herzen. Indem sein typisches Grün und seine typische Formensprache auch in den Vororten auftaucht, wird die Vor-Stadt aufgewertet.  

Allerdings belehrte uns ein Beitrag von Robert Linke im Rahmen des (bislang) letzten, glanzvollen Salons in Wien (gehostet von Lucie Strecker) in Wagners spätem Meisterwerk, der PSK, dass Wagners typisches Grün niemals in der Intention Otto Wagners gelegen war, der Grau- und Creme-Töne vorgezogen hätte.

Was man leicht, um sich blickend, bestätigt fand. Dies entsprach auch Jens Hausers Analysen, seit Jahrzehnten ein „Jäger“ der toxischen Untiefen der Farbe Grün.

Das Projekt hat viele Erwartungen erfüllt, und übererfüllt, wenn auch in einem langsamen, schleichenden Prozess, der dem Zug zur „Mikroperformativität“ ebenso entspricht wie der Erfahrung, von „The Passenger“ langsam in Besitz genommen und umgebaut zu werden.

Zudem war es reich genug, für jede/n Mitwirkende etwas anderes zu bedeuten.

Für mich sprechend kann ich sagen, dass meine Erfahrung der „Vor-Stadt“ bzw. der vielen möglichen Bedeutungen der „sub-ubanen“ und „zwischenstädtischen“ Zonen sich enorm verfeinert und verdichtet hat.

Es geht daher nicht nur darum, die Intensität der angeblich „faden“ Vorstadt mit ihren reichen Überschneidungen gebauter und gewachsener Lebensräume aufzuwerten; es geht auch nicht nur darum ,in einer komplexen „Gegend“, wie dem Karlsplatz und seiner Umgebung, sozusagen quasi-vorstädtische, und „sub-urbane“ Elemente zu entdecken – über all diese performativ-urbanen Forschungen hinaus dient die Leit-Fiktion des „Passenger“ dazu, die zukünftigen und schon existenten Stadt-Landschaften mit ihren gegenüber der modernen Metropole völlig anderen ökologischen, kulturellen, sozialen etc. Gegebenheiten und Notwendigkeiten in einer multi-sensorischen, performativen, poetischen Erfahrungslandschaft überhaupt erst zu entdecken bzw. „vorzuahmen“ — so dass sich eine erweiterte urbane Erfahrung ergibt, die in der Tat mehr als nur eine humane Dimension hat.

FEB/15

Suburbia. Sou-b-Urbia. Susususupp-Urbia.

That is how we know it. That typical area of so many variants of nothingness.

Nothingness of so many shades and colours.

A street, along the street buildings and fields, small shops and private industries – here it is a small saw mill, or rather just someone who owns a machine for cutting wood.

He rarely is in, but when he was, he was friendly with us strange ones.

Yet we might have been mistaken, as it is not at all certain that he saw us passing through.

This is suburbia, where the symbolic border of city and country meets the more porouse thresholds of plant life and built structures, new and decaying, taken over by plant life again.

It can be almost rustic, but then it sells its rustic capital to attract core families and green minded, middle class BoBos.

And once they move in, talking green but bringing their cars, rustic it will be no more.

We pass through it, more than once, for we do not feed off wood or gasoline or well meaning lies, we feed off the many divers micro-variants of suburban boredom.

The good kind.

FEB/18

In Vienna’s West, where forest borders on city and they interpenetrate each other, there is an area of hard and soft edges of different environments, times and uses. Here in Hadersdorf you can try out how to make a passage through spaces and zones.

One was on the way to one of the three supermarkets where one leaves too much money in the Corona Lockdown, because the cult of buying goods is almost the only way one can still please one’s social Eros. 

There, at the intersection of supermarket, street and pavement, a path opened up where people walk, run, even cycle. Another flight line opened this way out.

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MAR/03

Eins lebt auf Routen.

Als Routen durch Landschaften, die hart aufeinander stoßen oder weich ineinander gleiten. Da fährt eins immer wieder Bahnen ab. Und auf den Bahnen trifft es was.

Die Plastikdinger sind uns eigentlich Feind. Wir meiden sie. Wir versuchen sie zu ignorieren. Doch als wir auf dieser Brücke, die vor allem eine Straße ist, wie man auch hört, auf einen der innig geliebten Freunde, den Bach (Hainbach heißt er genau) hinunterschauten, mussten wir sehen dass eine von ihnen — aber hat es überhaupt Sinn, bei diesem Massenprodukt, diesem reinen Müll, von einem Individuum zu sprechen? — dass eine von ihnen derzeit zwischen zwei wohlgesetzten Steinen haust, die anscheinend lange schon den freien Lauf des Baches aufhalten und vom allzu wilden Anschwellen abhalten sollen.

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